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Die Farbenhörer

Töne sehen, Geschmack spüren - Forscher sind den Geheimnissen der Synästesie auf der Spur

von Nik Walter, Juni 2001, SonntagsZeitung

ZÜRICH

Susanne P. lebt in einer bunten Welt. Die Zahl 2 ist für die 30-Jährige rot, die 3 grün, die 7 hellblau und die 0 durchsichtig, "wie Glas". Auch Musikstücke, vor allem klassische, erscheinen ihr als eine Art Farbenteppich, der von links nach rechts durch den Raum fliesst. Und sogar Düfte nimmt die Germanistikstudentin als farbige Formen wahr - Rosenduft etwa als rosarote Wellen.
Was sich für aussen Stehende wie die Beschreibung eines LSD-Trips anhört, empfindet Susi P. als "völlig normal". Zumindest tat sie dies bis vor etwa einem Jahr. Damals erfuhr die "Farbenhörerin", dass sie eine spezielle Fähigkeit besitzt, die sie von den meisten anderen Menschen unterscheidet: Bei ihr vermischen sich verschiedene Sinne zu einer Art mehrkanaliger Wahrnehmung - sie ist eine so genannte Synästhetin.
Als Phänomen ist die Synästhesie (griechisch für gleichzeitige Wahrnehmung) schon seit Jahrhunderten bekannt. Franz Liszt etwa, der deutsche Komponist und Dirigent, forderte 1842 sein Orchester in Weimar auf: "Dieser Ton ist dunkelviolett, meine Herren, und nicht so rosa, glauben Sie mir!" Doch erst jetzt beginnen Forscher, die rätselhafte Sinnesvermischung zu verstehen, So belegen gleich zwei neue Studien, dass Synästhesie tatsächlich ein Phänomen der Wahrnehmung ist - und nicht etwa, wie auch kolportiert, Illusion oder reine Gedächtnisleistung.
Zu diesem Schluss kommen Forscher auf Grund verschiedener Tests, bei denen Synästheten besser (oder schlechter) abschnitten als "Normalos". So legten Ed Hubbard und Vilayanur Ramachandran von der University of California in San Diego Testpersonen ein Muster aus Fünfen und Zweien vor. Die Aufgabe:
Die Getesteten mussten ein Dreieck aus Zweien finden, das in den Fünfen versteckt war. Normal Wahrnehmende brauchten dazu mehrere Sekunden, Synästheten hingegen lösten die Aufgabe im Nu - das magische Dreieck sprang ihnen farbig in die Augen.


Die meisten "normal wahrnehmenden" Menschen brauchen einige Zeit, um in der linken Abbildung die im Dreieck angeordneten Zweien zu entdecken. Für Synästheten, die - wie rechts gezeigt - eine Zwei in einer Farbe, eine Fünf hingegen in einer anderen sehen, ist diese Aufgabe ein Kinderspiel.

Alle Kombinationen der fünf Sinne sind denkbar

Bei anderen Experimenten schnitten Synästheten hingegen schlechter ab. So brauchten sie länger, um Zahlen zu identifizieren, die ihnen in der "falschen" Farbe gezeigt wurden. Bei normal Empfindenden spielte es keine Rolle, ob eine Sieben grün oder rot aufblitzte - sie konnten die Zahl gleich schnell nennen. Dies zeigt, folgerten die Forscher um Jason Mattingley von der University of Melbourne kürzlich im Wissenschaftsmagazin "Nature", dass Synästheten die mehrkanalige Wahrnehmung nicht unterdrücken können, auch wenn dies für sie einen nachteiligen Effekt hat.
Das gleiche Experiment hat, unabhängig von den Australiern, auch eine Forschergruppe um Sandra Stöckenius vom Neuropsychologischen Institut der Universität Zürich mit insgesamt 25 Zahlen-Farben-Synästheten - darunter auch Susi P. - durchgeführt. Noch sind die Ergebnisse nicht ausgewertet, sie dürften sich allerdings kaum von den australischen unterscheiden, so Stöckenius.
Das Phänomen Synästhesie ist nicht auf die farbige Wahrnehmung von Zahlen oder Buchstaben beschränkt. Theoretisch sind alle Kombinationen der fünf Sinne denkbar: sehen, hören, riechen, schmecken, tasten. So können manche Synästheten einen Ton riechen, andere einen Geschmack spüren und wieder andere etwas Gesehenes schmecken.
Weitaus am häufigsten sind indes farbige Sinnesvermischungen. So sah etwa der Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman Gleichungen immer in kolorierten Zahlen und Buchstaben, und für den Maler Wassili Kandinsky hatte jedes Musikinstrument seine eigene Farbe. Neben Zahlen, Musik und Gerüchen - wie bei Susanne P. - können aber auch Schmerzen, Temperaturen oder Wörter Farben evozieren.
Insgesamt, so die Schätzungen der Forscher, besitzt etwa jeder zweitausendste Mensch die Fähigkeit der mehrkanaligen Wahrnehmung - oft wird das bizarre Sinnesvermischen auch vererbt.
In den letzten Jahren ist das Forscherinteresse für das Phänomen Synästhesie sprunghaft angestiegen. Trotzdem birgt die mehrsinnliche Wahrnehmung noch viele Geheimnisse. So ist beispielsweise nicht klar, wie synästhetische Empfindungen im Hirn überhaupt zu Stande kommen. Vermutlich, glauben einige Forscher, sind Hirnareale, die verschiedene Sinneseindrücke verarbeiten, bei diesen Menschen fest miteinander verdrahtet. Es sei wohl kein Zufall, argumentiert etwa Ramachandran, dass das Farbenareal direkt neben dem Zahlen- und Buchstabengebiet liegt. Sind diese Regionen quervernetzt, so sein Argument, können sie zusammen aktiviert werden und so die synästhetische Wahrnehmung auslösen.
Anderer Meinung ist Peter Grossenbacher von der Naropa University in Boulder. Synästheten hätten keine Extraverbindungen im Hirn, sagt der US-Experte mit Schweizer Wurzeln, "sie nützen ihre Anatomie nur anders". Will heissen: Der Hirnbereich, in dem beispielsweise optische und akustische Informationen zusammenströmen, sende bei Synästheten mehr Feedback-Signale als bei normal Wahrnehmenden zurück an das Seh- und Hörareal. Resultat: Ein Ton kann gesehen, ein Bild gehört werden.
Welche Theorie nun stimmt, kann derzeit kein Forscher beweisen. Grossenbacher: "Wir befinden uns erst am Anfang der Synästhesie-Forschung."
Synästheten wie Susanne P. wundern sich zuweilen über das grosse Forscherinteresse. Denn für die meisten von ihnen ist diese Begabung nichts Ungewöhnliches. "Ich empfinde meine Fähigkeiten weder als Bereicherung noch als Belastung." Trotzdem, auf eine Gabe würde P. auf keinen Fall verzichten wollen: "Ich habe ein sehr gutes Zahlengedächtnis." Kein Wunder, wenn man sich Geburtstage, Codes und Telefonnummern zusätzlich als Farbreihen einprägen kann.

Mitarbeit: Sandra Blakeslee

Nancy Ann Tappe
E-Mail Schweiz: lhirtz@bluewin.ch
Internet: www.creative4you.ch/spirit/nancy
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